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Immer schön sachlich bleiben

Immer schön sachlich bleiben

Text: Lucia Zimmermann

Sachlich bleiben gilt immer noch für viele Führungspersonen als hohe Kunst und goldener Weg in der Kommunikation und der Zusammenarbeit. Sehr viel Energie wird darauf verwendet, Emotionen an die möglichst kurze Leine zu nehmen, runter zu schlucken und mit einem möglichst gleichbleibend freundlichen Pokerface sachlich zu bleiben. Wer seine Emotionen im Griff hat, wird bewundert. Sehr emotionale Menschen werden im besten Fall belächelt, ansonsten fast gefürchtet. «Bin ich zu emotional?» Diese Frage höre ich manchmal. Zu sachlich kann man anscheinend nicht sein. Emotionen zu zeigen gilt als Schwäche. Man macht sich angreifbar und zeigt sich verletzlich. Was ist daran so schlimm?

Die Forschung, vor allem die neuropsychologische hat schon lange bewiesen, dass unser Gehirn nicht nur sachliche Daten verarbeitet, sondern auch Emotionen entwickelt. Diese Emotionen führen zu Veränderungen im Körperausdruck und auch in der Mimik. Auch bei sehr grosser, mit viel Aufwand betriebener Selbstkontrolle, entgleisen manchmal die Gesichtszüge und die Gestik oder zumindest im Ausdruck der Augen sind Emotionen sichtbar. Dann reicht das Lächeln auf den Lippen nicht, um die Stimme zu erwärmen und schon gar nicht bis in die Augenwinkel. Und von der Entwicklung der Emotionen und Gefühle lässt sich unser Gehirn auch nicht abbringen.

 

Gefühle sichern unser Überleben

In Bezug auf Emotionen und Gefühle sind wir relativ einfach gestrickt:

  • Können wir unsere Bedürfnisse befriedigen, spüren wir angenehme Gefühle.
  • Können wir unsere Bedürfnisse nicht befriedigen, erleben wir unangenehme Gefühle.

Das kennen wir von unseren körperlichen Grundbedürfnissen wie Hunger, Durst etc. Die Hauptbedürfnisse, die in Gruppen und Teams befriedigt oder eben nicht befriedigt werden können, sind Zugehörigkeit, Anerkennung, Akzeptanz, Einfluss und Nähe. Und natürlich sind diese Bedürfnisse bei jedem Teammitglied unterschiedlich ausgeprägt. Gefühle von Sympathie und Antipathie, Konkurrenz, Eifersucht, Angst, Langeweile aber auch Zufriedenheit oder Überlegenheit usw. bestimmen dann bei allem Bemühen um Sachlichkeit einfach mit und behindern manchmal sogar die Arbeit. «Es menschelt halt … wie überall!» ist die Binsenwahrheit, die oft verwendet wird, wenn über diese Mühseligkeiten des Alltags berichtet wird. Meist folgt ein bedeutungsschwerer Seufzer. Ach wie schön wäre es doch, wenn alle einfach sachlich bleiben würden. Das Bemühen ist ja da, aber die bösen, bösen Gefühle finden immer wieder Wege, zu stören. Sie schleichen sich in unsere Mimik, lassen uns Aufträge vergessen oder verschlampen, machen spitzfindige oder ironische Nebensätze und säumen mit vielen kleinen Gemeinheiten oder Versäumnissen den Weg.

Die Gefühle wollen ernst genommen werden, denn sie sind der Gradmesser für unser Wohlbefinden und sichern unser Überleben.

 

Gefühle sind keine Privatangelegenheit

Gefühle treten zwar in uns drin auf, aber die Ursache ist nur selten auch in den Individuen. Und die Auswirkungen der Gefühle sind wie schon erwähnt für andere sichtbar und spürbar. Meist sogar ohne, dass wir es wollen. Gefühle sind dann nicht mehr einfach eine ganz persönliche und innere Angelegenheit, sondern sie gehören an den Ort, an dem sie entstehen oder an dem sie Auswirkungen zeigen. Und das ist in diesem Fall vielleicht Ihr Team, Ihre Projektgruppe. Statt um jeden Preis sachlich zu bleiben, können Sie Ihrem Team mal mitteilen, wie Sie sich fühlen, was Ihnen Angst macht, was Freude bereitet und wann Sie sich vielleicht auch mal überfordert fühlen und nicht weiter wissen. Einander verstehen wollen, die eigenen Gefühle offenbaren und sich für die des anderen ehrlich interessieren, ist für die Zusammenarbeit oft hilfreicher als mit viel Aufwand und Energie die Frage klären zu wollen, wer denn jetzt sachlich gesehen recht hat.

Wenn Sie genau davor Respekt haben, ist das nur verständlich. Denn über Gefühle zu sprechen ist ungewohnt in der Arbeitswelt. Und das Risiko ist nicht zu unterschätzen. Aber es geht ja nicht darum, dass der Arbeitsplatz zum Ort des Seelenstripease wird. Sondern es geht darum, Gefühle dort zu besprechen, wo sie entstehen oder sich störend auswirken. So kann oft verhindert werden, dass die sogenannten Soft-Faktoren zu harten Stolpersteinen werden.

 

Training für den Umgang mit Gefühlen im Team

Wenn Sie genau das üben wollen ohne Angst, gleich zu viel Geschirr zu zerschlagen, also mit überschaubarem Risiko, bieten sich gruppendynamische Trainings an. Dort können Sie in realen Gruppen, aber ohne direkten Arbeitszusammenhang Ihre Wahrnehmung fürs «Menscheln» schärfen und üben, Gefühle auch in der Gruppe anzusprechen. Sie erfahren, dass es zwar auch mal scherbeln kann, aber dass dadurch oft eine wirkliche Klärung und ein offener Kontakt erst möglich werden. Im besten Fall kommen Sie bei aller Mühseligkeit mit den Gefühlen am Arbeitsplatz irgendwann wie ich zur Einsicht: «Es menschelt halt … wie überall – zum Glück!»

Zu Risiken und Nebenwirkungen sprechen Sie mit erfahrenen Trainerinnen und Trainern für Gruppendynamik: Gruppendynamik.ch / DGGO.de

Das SGZ bietet ein gruppendynamisches Training für Teamleiter/-innen an.

 

Lucia Zimmermann
Trainerin für Gruppendynamik DGGO, MAS Supervision und Coaching in Organisationen, Programmleiterin Führungskurse am SGZ

Kontakt:
Lucia Zimmermann
Schulungszentrum Gesundheit SGZ
lucia.zimmermann@zuerich.ch
angebot.wissen-pflege-bildung.ch

Kommentare: 4 | Autor: SGZ | Kategorien: Kategorie Führung & Management

Kommentare zum Artikel

  1. K. Kundert Kommentar vom 18.04.2017

    Danke für das Aufgreifen dieses Themas. Welches mich in meiner Führungsarbeit schon lange beschäftigt. Ja sie haben recht, jahrzehntlang wurde uns Führungskräften eingetrichtert die Sachlichkeit zu pflegen. Und auch ich wurde als eher emotionaler Mensch schon oft belächelt bis gefürchtet. Auf der anderen Seite, hat diese totale Versachlichung für mich noch nie gestimmt. Inzwischen bin ich genug lange dabei und habe genug Erfahrung um zu den Emotionen zu stehen. Ja ich sage, wenn ich mich über etwas freue, wenn eine Mitarbeitende etwas gut gemacht hat aber wirklich nur wenn sie es gut gemacht hat. Ja und ich spreche durchaus auch mal Tacheles und ich kann mich auch ereifern oder “auf regen”. Selbstverständlich bewahre ich hoffentlich immer den Respekt der Person mir gegenüber. Seit ich das so handhabe, geht es mir und meinen Mitarbeitenden besser und wir sind ein sehr erfolgreiches Team.

  2. Lucia Zimmermann Kommentar vom 18.04.2017

    Liebe Frau Kundert

    Danke für Ihren Kommentar.

    Respekt und Wertschätzung zeigen sich ja auch darin, dass Sie Ihre emotionalen Reaktionen offenbaren und nicht alles freundlich lächelnd an sich abperlen lassen. Sie zeigen damit, dass Sie sich auch emotional berühren lassen und sich mit Ihrem Gegenüber ernsthaft auseinander setzen, auch wenn das vielleicht mal «aufregend» ist. Es freut mich, dass Sie damit Erfolg haben.

    Weiterhin viel Freude in Ihrer Führungsarbeit.

  3. Jürg Scheidegger Kommentar vom 18.04.2017

    Gibt es auch einen (Wiederholungs-)Kurs in gewaltfreier Kommunikation? Diese finde ich hilfreich, doch beherrsche ich sie (noch) nicht.

  4. Lucia Zimmermann Kommentar vom 20.04.2017

    Lieber Herr Scheidegger

    Die Kommunikation werden wir wohl nie wirklich “beherrschen”. Auch die gewaltfreie nicht. Es geht immer ums Bemühen, dem Gegenüber zuhören und es verstehen wollen. Und darum Worte zu finden für das, was mich bewegt.

    …und viele Kommunikationsschulungen später bemühe ich mich immer noch und bin trotzdem manchmal sprachlos. Aber es ist hilfreich, das wenigstens sagen zu können.

    Ich wünsche uns allen weiterhin viel Ausdauer.

    Vielleicht finden Sie ein passendes Angebot in unseren Ausschreibungen oder Sie versuchen es mal mit einem gruppendynamischen Training.

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