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Es ist halt nicht mehr wie früher …

Text: Lucia Zimmermann

Früher, als ich noch jünger war, als ich gerade frisch mein Diplom in Pflege im Sack hatte … Ja, ja, ich weiss, das ist schon länger her. Aber unsere Generation ist noch da und immer noch aktiv und so zehn bis fünfzehn Jahre mischen wir noch voll mit. Wir sind viele (Babyboomer halt) und so wissen noch einige wie es früher mit der Ausbildung in der Praxis war: Wir mussten noch «schaffen» und funktionieren. Je schneller, desto besser. Da wurde nicht so viel Aufhebens um uns Schüler/-innen gemacht (Lernende gab es noch nicht und schon gar keine Studierenden).

 

«nach Schule»

Zwei Drittel der Ausbildungszeit war Praktikum. Währenddessen hatten wir einmal im Monat «Praxislerntag». Dazu gingen wir an die Berufsschule und lernten dort praktische Dinge (z.B. Blutentnahme). Alle paar Wochen besuchte uns eine Lehrerin aus der Berufsschule und machte «klinischen Unterricht» am Patientenbett. Sie arbeitete einen Vormittag lang mit, erklärte, kontrollierte, korrigierte und zeigte uns die Richtschnur für das, was richtig oder falsch war, «nach Schule» eben. Das nicht nur für die Schüler/-innen, sondern für das ganze Team.

 

Learning by doing

Und sonst arbeiteten wir halt. Wir wollten unseren Beitrag leisten und dabei möglichst viel lernen. Oder einfach mal Teil eines lässigen Teams sein. Wenn wir Glück hatten, bekamen wir eine nette Bezugsperson, der wir das Herz ausschütten durften, die uns ab und an etwas vorzeigte, etwas ins Verlaufsblatt schrieb und uns am Ende beurteilte. Wenn wir Pech hatten, war das eine Person, die keine Lust hatte, uns Schüler/-innen zu betreuen. Oft pflegten gerade wir die komplexesten Patientinnen/Patienten, weil wir da am meisten lernen konnten. Manchmal lernten wir dabei vor allem, wie sich Überforderung anfühlte.

Kaum waren wir da durch und hatten am praktischen Diplomexamen unsere Fähigkeiten bewiesen, hiess es: «Du bist noch frisch ab Schule, also wirst du die Schüler/-innen betreuen». Da half es natürlich, dass der Stoff im Kopf noch nicht ganz verstaubt war, dass wir noch wussten, wie es «nach Schule» zu funktionieren hatte.

So bildeten wir dann aus, die einen lieber, die anderen weniger gerne.

 

Professionalisierung

Nun 30 Jahre später ist vieles anders. Die Komplexität und Anforderungen an die Gesundheitsberufe sind enorm gestiegen. Das pflegespezifische Wissen kommt längst nicht mehr mehrheitlich aus der Medizin. An Hochschulen und Fachhochschulen wird zu spezifischen Fragen der nicht-ärztlichen Gesundheitsberufe geforscht und gelehrt. Es gibt eine wachsende Zahl von «Studierten» in unserem Beruf. Bachelor- und Masterabschlüsse, ja sogar Doktortitel können sich Pflegefachleute erarbeiten. Mit den grossen Reformen der Ausbildungen im Gesundheitswesen reagierte man auf die steigenden Anforderungen an die nicht-ärztlichen Berufe und macht das Ausbildungssystem national und international vergleichbar.

 

Neue Modelle für alte Verfahren

Die Anforderungen an die Ausbildung in der Praxis sind enorm. Obwohl das Lernen vom Vorbild in der praktischen Arbeit vermutlich immer das wichtigste bleiben wird, genügt es längst nicht mehr, gutes oder auch schlechtes Vorbild zu sein. Das Wissen darüber verdanken wir Albert Bandura (Lernen am Modell). Bezugspersonen sind immer noch wichtig, aber die praktische Ausbildung wird von ausgebildeten Berufsbildnerinnen/Berufsbildnern geleistet.

Diese sollen über didaktische Fähigkeiten und auch Coachingfähigkeiten verfügen, die Lernenden gezielt unterstützen und fördern können. Vorzeigen und Nachmachen ist seit jeher Verfahren beim praktischen Lernen (Meister-Schüler). Nun gibt es ein Modell, das diese Methode verfeinert, systematisiert und erweitert hat. Auch Denkprozesse können mit Cognitive Apprenticeship vorgemacht und nachgemacht werden.

Am Ende des Praktikums müssen Ziele erreicht werden. Bei der Beurteilung braucht es Wissen über das Qualifikationssystem, über Beurteilungsfehler (Halo-Effekt, Projektion und Übertragungsphänomene etc. oder auch den sogenannten Caritas-Effekt) und vieles mehr.

 

Nur funktionieren, funktioniert nicht mehr

Für die Betriebe wäre es schön, würden Lernende und Studierende einfach kräftig und gut «mitschaffen». Oft genug tun sie das ja und sogar gerne, denn damit erleben sie Kompetenz, soziale Eingebundenheit und ein bisschen Autonomie (Selbstbestimmungstheorie nach Ryan und Deci). Mitarbeiten als alleinige Ausbildungsmethode in der Praxis reicht aber längst nicht mehr. Fundierte theoretische Kenntnisse wissenschaftlich erprobter Methoden und evidenzbasierte Leistungen braucht es auch in Berufen der Pflege, Betreuung, Therapie und eben auch für die praktische Ausbildung dieser Fachleute.

 

Weckruf Ausbildungsverpflichtung

Die Vorschriften des SBFI für die minimale berufspädagogische Qualifikation von Berufsbildenden (40 Stunden für Sek II, 100 Stunden für HF) machen darum Sinn.

Mit der Ausbildungsverpflichtung in einigen Kantonen sind nun auch Betriebe in die neue Welt katapultiert worden, die sich von diesen Entwicklungen bisher nicht so betroffen gefühlt haben, die ihre Welt vielleicht zu lange bewahren wollten, wie sie früher war.

Es ist wirklich nicht mehr wie früher. Beim Ausbilden ist es spannender, vielfältiger, komplexer und ehrlich gesagt auch interessanter – besser halt.

Wenn Sie sich für Berufsbildung interessieren, orientieren Sie sich auf unserer Website über die diversen Kurse und Lehrgänge für Ausbildende. Vom Berufsbildnerkurs bis zum eidg. Fachausweis als Ausbilder/-in (SVEB-Kurse) können Sie alles bei uns besuchen.

Wenn Sie nicht wissen, was Sie genau brauchen, melden Sie sich. Wir beraten Sie und Ihren Betrieb gerne. Und/oder wir plaudern ein bisschen von früher und wie es jetzt weitergehen soll.

 

Lucia Zimmermann
Schulungszentrum Gesundheit SGZ
Programmleiterin Bildung
lucia.zimmermann@zuerich.ch
angebot.wissen-pflege-bildung.ch

Kommentare: 0 | Autor: SGZ | Kategorien: Kategorie Ausbildner/-innen

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